ein Editorial von Mail Man G40 zum Wechsel der Techno Classica zur RETRO CLASSICS in der Messe Essen
Die goldenen Zeiten der Automessen sind wohl vorbei. Zu dieser Erkenntnis kommt man gezwungenermaßen nach der RETRO CLASSICS ESSEN, die gestern zu Ende gegangen ist. Während am „Montag danach“ noch die letzten Teppiche aufgerollt und Oldtimer verladen werden, erinnere ich mich an das 40. Jubiläum des VW Polo im Jahr 2015. Gemeinsam mit Volkswagen Classic haben wir (wir meint hier: die VW Polo IG, in der ich mich engagiere) auf Augenhöhe und ohne einseitige Arroganz einen Messeauftritt auf der Techno Classica (damals weltgrößte Oldtimermesse) aus dem Vollen gefräst, der einzigartig bleiben sollte. Sowohl was die Qualität unserer (Mit-)Arbeit als Messeaussteller, aber auch Besucherzahlen angeht. Zu dieser Zeit wusste noch niemand etwas von einem „Dieselskandal“. Wenige Monate später war die Automobil-Welt einfach nicht mehr dieselbe. Zuerst kamen die Budgetkürzungen bei vielen Automobil-Herstellern weil der Verbrenner auf einmal böse war, im Anschluss mähte Corona den Rest nieder. Es endete damit, dass Volkswagen schließlich gar nicht mehr auf die Messe kam – und steckte Porsche, die Autostadt, Seat, Skoda, Lamborghini, Volkswagen Classic Parts, Volkswagen Nutzfahrzeuge etc. pp. mit an. „Die Halle 4 in der Messe Essen implodierte qualitativ“ hätte man sagen können, wenn nicht wir mit unserem Polo-Club dort auf einmal exakt diese Premium-Fläche hätten bestellen dürfen nach jahrelanger Askese in Oberstock- und Leichtbauhallen. Dass wir über nicht ganz so hohe Budgets verfügen wie die Konzernmarken, braucht sicher nicht näher erläutert zu werden. Das sind alles Einnahmen, die der Messe und dem Veranstalter SIHA aber fehlten. Nach 10 Jahren des sukzessiven Niedergangs fielen im Jahr 2025 dann zwei besondere Ereignisse zusammen: es war die letzte Techno Classica in der Messe Essen und der VW Polo feierte das 50. Jubiläum. „Wir“ mit unserer Polo IG haben abgeliefert, die alten VW-Kontakte kamen immerhin undercover zum Gespräch auf unseren Stand (und redeten Klartext und nicht WOB-Sprech). Die Stimmung war schon eingetrübt, aber zumindest bezogen auf die Messe wollten wir der RETRO CLASSICS eine ehrliche Chance geben. Auf der Flurfunk-Frequenz der VW-Clubs hieß es, die RETRO wolle die Gemeinschaft VW-Clubs gerne alle auf deren Messe überführen. „Alles kein Problem“ und es würde viel günstiger werden, weil die Techno Classica ja eh viel zu teuer sei. Kopfnicken und aufgesetztes Lächeln – das Thema mit den große Versprechungen kennt man ja schon aus Wolfsburg.
So kam dann die heiße Planungsphase der RETRO CLASSICS 2026. Lange Geschichte, kurz erzählt: der weitere Weg mit der RETRO war nicht nur holprig, sondern ein Offroad-Parcours. Die Messetage kamen, die Besucher jedoch nicht. Leere Flächen in den Hallen gab es bei der Techno Classica nur im unmittelbaren Jahr nach Corona, bei der RETRO hätte man in den Zwischenräumen Walzer tanzen können. Die Hoffnung, dass am Wochenende der Ansturm einsetzen würde, erfüllte sich auch nicht. Natürlich haben wir wie jedes Jahr gute und nette Gespräche geführt – aber sowohl unsere Besucher, Standnachbarn und zahlreiche Händler ließen durchblicken, dass die RETRO CLASSICS keine Neuauflage der Techno Classica sei. Und dass 28 Euro Eintritt plus völlig überteuertes Parken an der Messe Essen für diese Gesamtleistung einfach absurd sind. Besuche durch Fachpublikum blieben weitestgehend aus. Gut gelaufen sein soll der Verkauf (sagen Händler). Das gönnen wir gerne, aber das ist für uns nicht relevant. Für uns als VW-Club wird sich die Frage stellen, ob wir den Aufwand nächstes Jahr noch einmal treiben wollen. Der Fairness halber werden wir in der Nachbesprechung zunächst aufdröseln, welche der vielen kleinen und großen Kritikpunkte der AFAG Gruppe (zu der die RETRO MESSEN gehört) oder der MESSE ESSEN zuzuordnen sind. Meine persönlichen Erwartungen konnte die RETRO CLASSIC ESSEN nicht erfüllen.
Zwangsläufig entgleitet mir beim Korrekturlesen dieses Textes ein wehmütiges Seufzen, wenn die Erinnerung an Techno Classica einsetzt. Diese heißt jetzt (warum auch immer) „Techno Classica Salon“ und allein die Tatsache, dass sie nun in der Messe Dortmund stattfindet, lässt jeden Optimismus ohne rezeptpflichtige Antidepressiva zum Kraftakt werden. Wir werden sehen. Zur Not bleibt nur die Erinnerung an die goldenen Zeiten der Automobilmessen. Gute Nacht, Halle 8! (Insider)

RETRO CLASSICS ESSEN 2026: die Markenclubs stehen in Halle 5; exakt an der Stelle, wo während der Techno Classica der richtige Schickimicki-Shit abgegangen ist (SIHA-Pavillon). Wenn mir vor 10 Jahren jemand gesagt hätte, dass wir da mal unseren gebrauchten Messe-Rips ausrollen werden, hätte ich den für verrückt erklärt.